Im Jahr 2011 habe ich nach einer mehrjährigen Vorbereitungsphase in meinem Garten in Graz eine sehr spezielle Jurte errichtet: Ich nenne sie die „rundesLeben-Jurte“.
Die Jurte – ein rundes Zelt mit langer Tradition
Das Holzgerüst einer Jurte (mongolisch: Ger) besteht aus einem Scherengitter als Wand (mongolisch: Khana), aus einem von Dachstangen (mongolisch: Uni) gebildeten Dach und einem Dachring (mongolisch: Toono). Ähnlich wie zu den Tipis der nordamerikanischen indigenen Urvölker hat sich dazu ein nun schon jahrhundertealtes, bewährtes Konstruktionsprinzip entwickelt. Damit bleibt der Aufbau auch bei extremen Winden stabil, flexibel und schwingend. Die Grundkonstruktion meiner Jurte ist 1:1 von diesem bewährten Konzept der Nomadenvölker der Mongolei abgeleitet und hat dazu ein nahezu unsichtbares Update erhalten. Die Praxis hat mir gezeigt: Die Jurte schenkt einen Raum zum Wohlfühlen, Stillwerden und Ankommen. Sie hat es mir ermöglicht, einen energetisch und historisch völlig unbelasteten Arbeits- und Lebensraum im Grünen zu erschaffen.
Dorf auf Zeit
Der Aufbau samt gemeinsamem Nähen der Außenhaut benötigt ca. 1 Woche und erfolgt in einer Art „Dorf auf Zeit“ mit vielen helfenden Händen und ist für alle Mitwirkenden ein großes, erfüllendes, stolzmachendes Erlebnis. Durch das Selbsthandanlegen und bei allen Schritten tatkräftig dabei sein, entsteht mit der eigenen Jurte schließlich eine ganz besondere Verbindung.
Strohballendämmung & Klimamembran
Seit 15 Jahren wird meine Jurte belebt und steht der spezielle Aufbau und Materialmix auf dem täglichen Prüfstand: Es hat sich ein hochwertiger, das ganze Jahr über nutzbarer Raum ergeben. Diesen nutze ich als Psychosozialer Berater für meine traumasensible Begleitung von Einzelklienten und Gruppen bzw. bedarfsweise als meinen persönlichen Wohlfühl-Wohnraum. Strohballen stellen ein ideales, ökologisches, meist in der unmittelbaren Nähe vorhandenes und nachhaltiges Dämmmaterial dar: Das natürliche, unbehandelte Stroh bietet hervorragenden Kälteschutz im Winter, Hitzeschutz im Sommer und – was oft völlig unterschätzt wird – besten Schallschutz über das ganze Jahr! Strohballen sind leicht erhältlich – damit ist der Transportweg minimiert. Völlig naturbelassen wird dieser Dämmstoff verarbeitet und ist dabei vollständig biologisch abbaubar. Stroh bindet Kohlendioxid und weist damit eine stark positive Ökobilanz auf.
Unterschied zur klassischen Jurte
Bis vor wenigen Jahren war Regen und feuchtes Klima für die Mongolei kein Thema. Daher waren auch traditionell keine technischen Grundlagen notwendig, um mit Feuchtigkeit etc. bestmöglich umgehen zu können. Gerade durch den Klimawandel ist das Wetter in der Mongolei nun weitaus niederschlagreicher geworden: Damit gerät das bisherige Konzept der Dämmung mit Filz oder Schafwolle deutlich an seine Grenzen; die Dämmung kann nicht mehr richtig trocknen und wird dann schimmelanfällig. Somit sind die Nomaden in der Mongolei heute selbst gefordert, das bisher bewährte Konzept fortzuentwickeln (wenn nicht überhaupt die Nomadenkultur selbst bald schon Geschichte sein wird). Dank Doppel-Klimamembran (ähnlich einer Gore-Tex-Membran) hat die „rundesLeben-Jurte“ ein angenehmes Raumklima und ist ganzjährig nutzbar. Damit gelingt es den gesamten Wandaufbau durchgehend dampfdiffusionsoffen zu halten.
Dampfdiffusionsoffen: Was bedeutet das?
Wenn die Innentemperatur z. B. bei 20 Grad Celsius liegt und die Außentemperatur bei 0 Grad, kann die warme Innenluft viel mehr Wasser aufnehmen als die kalte Außenluft. Gelangt die warme, feuchte Luft in die Konstruktion und bewegt sie sich in ihr von der warmen Innen- auf die kalte Außenseite zu, kühlt sie ab, die relative Luftfeuchte steigt und es kommt innerhalb der Dämmung beim Taupunkt zum Tauwasserausfall. Die Folge wäre unbeherrschbare Nässe, wenn die Wand so versiegelt ist, dass sie nicht wieder austrocknen kann. Somit ist klar, dass der Wandaufbau in der Praxis hinsichtlich Dampfdiffusion und Taupunkt eine wesentliche Rolle spielt. Die Wand stellt schließlich die Haut eines Raumes dar. Ist diese versiegelt, verliert die Wand die Diffusionsfähigkeit, bleibt nass und Schimmelbildung ist kaum vermeidbar. Kann die Wand atmen, kann sie auch immer wieder gut austrocknen. Genau diese Eigenschaft, ein gutes Raumklima zu sichern, hat sonst nur der starre Lehmputz.
Nachhaltige Bauweise
Die Gerüstkonstruktion besteht aus massiven Fichtenleisten. Das helle, duftende Fichtenholz belegt in allen Disziplinen Bestwerte: so bei Brandschutz, Elastizität, Strahlenabschirmung, Statik, u. a. Das Holz ist grundsätzlich unbehandelt. Die „rundesLeben-Jurte“ ist, genauso wie ihr klassisches Vorbild, grundsätzlich transportabel – sie kann dich ein Leben lang begleiten. Du kannst alle Reparaturen selbst durchführen. Und das Beste ist, das wesentliche Dämmmaterial, die Strohballen, kannst du vom Bauern in deiner Nähe beziehen.
Wie kann die Jurte beheizt werden?
Als Heizung können je nach Präferenz Infrarotpanele, eine Fußbodenheizung oder ein kleiner gusseiserner, mit einer Kochplatte ausgestatteter Holzkaminofen dienen (z. B. Nordpreis Orion). Damit bleibt es auch im Winter in der Jurte behaglich warm.
