Abnehmen ist für viele kein kosmetisches, gesundheitliches, sondern ein angstbesetztes Thema. Immer mehr Menschen leiden unter Übergewicht – doch nicht an zu wenig Disziplin, sondern an zu viel Stress. Trotz unzähliger Diäten, Appellen zur Selbstkontrolle und sportlicher Selbstkasteiung bleibt das Fett oft hartnäckig bestehen. Die Erklärung dafür liefert nicht allein die Ernährungswissenschaft, sondern vor allem die Psychosomatik.
Warum Diäten oft scheitern
Übergewicht ist selten das Ergebnis falscher Ernährung – sondern meist die Folge emotionaler Überforderung. Wer ständig im inneren Alarmzustand lebt, produziert Stresshormone wie Cortisol – und diese sorgen nicht nur für erhöhten Blutzucker, sondern auch für Fettaufbau. Der Körper reagiert auf Stress immer noch so, als stünde eine Hungersnot oder Lebensgefahr bevor. Was folgt, ist eine Einlagerung von Energie – in Form von Fett. Biologisch sinnvoll, gesundheitlich problematisch.
Wir lernen: Das Fläschchen ist oft keine Nährstoffzufuhr – sondern Trost. Kaum jemand isst aus echtem Hunger. Stattdessen dient Nahrung häufig als seelisches Beruhigungsmittel. Die Packung Chips am Abend, die Schokolade am Nachmittag, das Eis „für die Nerven“ – das alles sind keine Mahlzeiten, sondern unbewusste Versuche, emotionale Zustände zu regulieren.
Diese Form des Essens beginnt meist in der frühen Kindheit: Wenn das Baby schreit, gibt es das Fläschchen. Wenn das Kind traurig ist, gibt es ein Gummibärchen. So entsteht eine Konditionierung: Stressgefühl à Essen = Trost. Das limbische System, unsere emotionale Schaltzentrale, lernt: Kummer verschwindet durch das Essen. Im Erwachsenenalter führt das dazu, dass emotionale Bedürfnisse mit Kalorien „bekämpft“ werden. Doch leider funktioniert das nicht – denn der Körper speichert das Fett, das Problem aber bleibt.
Übergewicht ist keine Charakterschwäche, sondern oft ein unbewusster Selbstschutz. Ein dicker Körper wird oft unbewusst als „sicherer“ erlebt: weniger Angriffsfläche, weniger Aufmerksamkeit, weniger Verletzbarkeit. Gerade Frauen berichten davon, dass sie sich durch Gewichtszunahme unbewusst vor unerwünschten Blicken oder sexuellen Erwartungen geschützt fühlen. Das erklärt auch, warum viele Menschen trotz intensiver Bemühungen nicht dauerhaft abnehmen – weil das Unterbewusstsein das Fett als wertvollen Schutzspeicher betrachtet. Und einen Schutz gibt man nicht einfach auf, nur weil man Kalorien zählt.
Dabei funktioniert dieser optische Schutzpanzer nicht im Geringsten – im Gegenteil: Man sieht einem Übergewichtigen doch an, dass er seine emotionalen Probleme nicht löst. Das macht ihn eher angreifbar als robust. Mitmenschen verlieren sogar eher den Respekt, als dass sie sich eingeschüchtert fühlen. Schließlich bekommt man zudem keinen Zuspruch, wenn man Übergewicht hat, sondern eher, wenn man sich davon getrennt hat. Aber das geschieht eben am sichersten und dauerhaftesten durch den Kampf gegen Fett, sondern durch das Annehmen der Tatsache, dass man sich angreifbar fühlte, seine emotionalen Probleme mit Essen wegtrösten wollte und offenbar nicht perfekt ist. Sobald dieser Schritt abgearbeitet wurde, wird es einfacher:
Wer abnehmen möchte, sollte sich nicht zuerst fragen: „Was soll ich essen?“
Sondern: „Worauf genau heben meine Emotionen Hunger?“ – und: „Wovor schützt mich mein Körper?“
Die Lösung liegt in einem inneren Bewusstseinswandel – weg von Verzicht und Kontrolle, hin zu Verständnis und emotionaler Entkoppelung. Wer erkennt, dass das Übergewicht Ausdruck eines ungelösten Konflikts ist, kann beginnen, diesen zu lösen – durch therapeutische Gespräche, Hypnose, Arbeit mit dem inneren Kind, Selbstvergebung oder einfach durch das ehrliche Hinsehen auf das, was lange weggedrückt wurde.
Denn: Was gefühlt werden darf, muss nicht mehr gegessen werden.
Fallbeispiel: Tom und die Kalorien der Kindheit
Tom, 43, erfolgreicher IT-Experte, nimmt einfach nicht ab – obwohl er Sport treibt und „gesund“ isst. Im Coaching stellt sich heraus: Immer, wenn Tom sich nicht gesehen fühlt – etwa durch ignorierte E-Mails oder Desinteresse seines Vorgesetzten – greift er zu Süßem. Der Grund: Als Kind bekam Tom nur dann Zuwendung, wenn er etwas leistete. Die Schokolade heute ist unbewusst ein Ersatz für die elterliche Anerkennung von damals.
Als Tom dieses Muster erkennt und beginnt, sich selbst Anerkennung zu schenken – durch Tagebuch, Lob, Selbstfürsorge – verringert sich der Impuls zum Essen. Und das Gewicht beginnt zu sinken. Ohne Diät.
Der Stoffwechsel lässt sich nicht mit Willenskraft zwingen – aber mit innerer Sicherheit überzeugen. Wenn das Gehirn das Signal erhält: „Ich bin sicher, ich bin geliebt, ich darf loslassen“, stellt der Körper um – von Festhalten auf Abgeben.
In dieser Phase spüren viele Klienten einen fast „natürlichen“ Gewichtsverlust. Sie essen weniger, ohne es zu merken. Sie greifen nicht mehr automatisch zur Süßigkeitenschublade, weil das dahinterliegende Gefühl – z. B. Einsamkeit oder Wut – bewusst wahrgenommen und angenommen wurde.
Diese Form der Stoffwechselumstellung ist nicht medizinisch, sondern psychologisch – und dadurch umso nachhaltiger.
„Abnehmen durch Annehmen“ heißt:
Gefühle zulassen, statt sie zu bekämpfen.
Den Körper nicht als Feind, sondern als
Spiegel zu sehen.
Schuld, Scham und schlechtes Gewissen nicht
länger als Antreiber zu akzeptieren.
Sich selbst mit Würde und Freundlichkeit begegnen – unabhängig von Gewicht oder BMI.
Die Eltern im Kopf, genannt „schlechtes Gewissen“, zum Schweigen zu bringen.
In der Praxis bedeutet das: Kein Kalorienzählen, keine strikten Verbote, keine Kontrollwut. Stattdessen: Fragen stellen. Reflektieren. Sich endlich erwachsen fühlen. Und sich selbst Raum geben. Ein dauerhaft gesunder Körper entsteht nicht durch Kontrolle – sondern durch Kohärenz. Wer mit sich im Einklang ist, braucht keine Belohnung durch Essen. Wer sich innerlich gestärkt fühlt, muss sich nicht durch das Fett schützen. Daher ist Selbstakzeptanz kein Endpunkt, sondern der Startpunkt einer neuen Körperrealität. Sobald das Selbstwertgefühl nicht mehr an die Zahl auf der Waage gekoppelt ist, kann der Körper aufhören, dagegen anzukämpfen.
Exkurs: Konditionierung und Cortisol
Die psychologische Grundlage für emotionales Essverhalten lässt sich am besten durch den Begriff Konditionierung erklären. Bereits der russische Physiologe Iwan Pawlow zeigte im frühen 20. Jahrhundert, wie Hunde (und im Prinzip auch Menschen) auf Reize konditioniert werden können: Ein ursprünglich neutraler Reiz – z. B. ein Glockenton – wird durch Wiederholung mit einem bedeutungsvollen Reiz – z. B. Futter – verknüpft. Bald reicht der Glockenton allein aus, um eine körperliche Reaktion auszulösen – Speichelfluss, Erwartung, Appetit.
Genau dieser Mechanismus wirkt auch beim emotionalen Essen: Gefühle wie Einsamkeit, Ablehnung oder Stress wurden oft in der Kindheit mit Trostnahrung (Süßigkeiten, warmes Essen, Snacks) gekoppelt. Der emotionale Reiz genügt später, um Essverlangen zu aktivieren – ganz ohne realen Hunger. Das limbische System signalisiert: „Iss, dann wird es besser.“ Diese klassische Stimulus-Response-Kette bleibt erhalten, bis sie bewusst erkannt und durch neue Erfahrungen ersetzt wird.
Auch biochemisch lässt sich dieser Zusammenhang belegen. Die Rolle von Cortisol als Dickmacher ist in den letzten Jahrzehnten zunehmend untersucht worden. Eine englische Studie aus dem Jahr 1985, die eigentlich Arbeitsstress untersuchte, brachte erste Hinweise: Menschen mit chronisch erhöhtem Cortisolspiegel hatten häufiger viszerales Fett – also besonders ungesundes Bauchfett.
Seit rund 25 Jahren wissen wir gesichert: Chronischer psychosozialer Stress führt zu erhöhtem Cortisol, was wiederum zu Fettansammlung im Bauchbereich beiträgt. Cortisol beeinflusst nicht nur den Zuckerstoffwechsel, sondern steigert auch den Appetit auf kalorienreiche Nahrung, insbesondere Fett und Zucker. Und: Es fördert die Einlagerung – insbesondere bei gleichzeitigem Bewegungsmangel oder Schlafstörungen.
Cortisol macht also nicht direkt dick – aber es verschiebt die Stoffwechsellogik zugunsten von Speicherung statt Verbrennung.
Inzwischen gilt es als wissenschaftlich gut belegt: Wer ständig unter Druck steht, schläft schlecht, hat wenig emotionale Selbstregulation und isst zur Kompensation – der aktiviert ungewollt ein hormonelles Dauerfeuer, das jede Diät sabotiert.
Wenn Verstehen nicht reicht – Der Fall Birgit
Es gibt Menschen, die alles verstanden haben. Sie wissen, warum sie zugenommen haben. Sie können Dir die biochemischen Zusammenhänge von Cortisol, Stress und Schutzfett aufsagen. Sie zitieren mühelos aus Coaching-Büchern und wissen, wie der Körper abnimmt.
Und trotzdem nehmen sie nicht ab.
Birgit war so ein Mensch. 43 Jahre alt, verheiratet, keine Kinder. Sie wollte 30 Kilo abnehmen. Sie las meine Bücher, machte ein intensives Ganztages-Coaching, war offen, reflektiert, bereit. Und nahm trotzdem „nur“ elf Kilo in sechs Wochen ab. Andere hätten das als Riesenerfolg gefeiert. Birgit nicht.
Als sie mich anrief, war sie wütend, traurig und verzweifelt. Ihre Stimme schwankte zwischen vorwurfsvollem Ton und leiser Scham. „Vielleicht bin ich zu dumm, um das zu kapieren“, sagte sie. Ich spürte: Sie suchte verzweifelt nach dem Hebel – und gleichzeitig nach dem Fehler. Entweder bei mir. Oder bei sich.
Dann stellte ich ihr erneut eine Frage, die ich ihr ganz zu Beginn gestellt hatte. Wochen zuvor – doch damals war sie innerlich offenbar noch nicht bereit für die Antwort:
„Welchen Preis hast du zu zahlen, wenn du abnehmen willst? Was musst du in Kauf nehmen?“ Es wurde still. Und am Telefon ist eine Minute Schweigen eine kleine Ewigkeit. Dann sagte Birgit, mit zitternder Stimme: „Ich muss meiner Mutter widersprechen.“ Was zunächst wie eine kleine Bemerkung klang, entpuppte sich als Schlüsselsatz – und als Eintritt in ein emotionales Universum. Denn Birgits Mutter, Elvira, hatte lange auf ihre Tochter gewartet. Nach zwei Söhnen und einer Fehlgeburt bekam sie endlich ihr Mädchen. Und sie drehte richtig auf. Elvira war ohnehin schon eine Perfektionistin. Jetzt wollte sie, dass ihr Töchterchen in allem Spitze war.
Keine Schulnote war gut genug, keine Leistung der Anerkennung wert. Birgit begann, sich als Verliererin zu fühlen – trotz aller Anstrengung. Die elf Kilo, die sie mühelos verloren hatte, waren für Elvira – die in Birgits Kopf einen inneren Richterthron bezogen hatte – nichts wert. Nicht einmal das war „gut genug“.
Ich half Birgit, zu verstehen, was dahinter steckte. Dass Elvira mit ihrem ewigen Kritisieren nicht verletzen, sondern antreiben wollte. Dass sie glaubte, durch ständigen Druck Ehrgeiz wecken zu können – damit ihre Tochter „besser wird“ als die Söhne.
Und noch tiefer: Elvira selbst war die Erstgeborene – und hatte ein Leben lang versucht, ihrem Vater zu beweisen, dass auch Mädchen etwas wert sind. Denn dieser vergötterte ihren kleinen Sohn. Elvira kämpfte um Anerkennung – durch Birgit.
Als Birgit das am Telefon begriff, veränderte sich ihre Stimme. Der Jammerton verschwand.
Was blieb, war Klarheit. Und Würde. Eine melodiöse, aufrechte Frauenstimme.
Wir verabredeten, dass sie sich in zwei Wochen noch einmal meldet. Es wurden vier. Und als sie schließlich anrief, hatte ich eine ganz andere Frau am Telefon. Lebendig. Selbstsicher.
Sie erzählte, ihr ganzes Leben habe sich verändert – ihr Job, ihre Ehe, einfach alles lief runder. Und ja, sie habe weiter ein paar Kilo abgenommen. „Wie viel, weiß ich nicht – es ist mir auch egal“, sagte sie und lachte dabei befreit.
Fazit: Heilung beginnt im Kopf – und im Gefühl
Übergewicht ist nicht Ihr Feind. Es ist Ihre Körpersprache. Und diese Sprache sagt: „Bitte schau hin. Hier ist noch ein ungelöstes Thema.“ Wer diesen Impuls ernst nimmt, kann eine völlig neue Beziehung zu sich selbst – und zum Essen – aufbauen. Eine Beziehung, die auf Vertrauen basiert, nicht auf Kontrolle. Auf Annahme, nicht auf Ablehnung.
Und genau darin liegt der Weg zur Leichtigkeit – seelisch und körperlich, denn der Körper folgt den Emotionen – wir sehen immer so aus, wie wir uns tatsächlich fühlen. ■
