Jeder von uns weiß, dass wir, wohl einmal jung geboren, alt werden und sterben. Doch eigentlich kann niemand so recht etwas anfangen mit dieser Tatsache. Schwach und alt werden und dann vielleicht noch der Tod – das ist uns zutiefst suspekt. Obwohl es rundherum Tatsache ist, dass es so ist. Wozu sterben wir, und gibt es eine Alternative, also nicht zu sterben?
Erst einmal zu der Frage, ob es zum Sterben eine Alternative gibt; das müssen wir ganz klar verneinen. Wir alle sind sterblich, zumindest sind es unsere materiellen Körper.
Lange habe ich mich gewehrt, endlich gab ich nach. Wenn der alte Mensch zerstäubt, wird der neue wach.
Doch irgendetwas drängt im Menschen, in uns allen, zum Leben; ein unermesslicher Wille treibt uns auf die höchsten Berge, durch die weitesten Ozeane, durch die unerfreulichsten Wüsten. Und haben wir ein Ziel erreicht, suchen wir schon das nächste, das Bessere ist der Feind des Guten. Es genügt nicht, ein oder zwei Achttausender zu besteigen, nein, es müssen alle sein, und dann geht es weiter: schwierigere Wege und gefährlichere Wände. Wer ist schneller oben (und lebend wieder herunten, weil ohne Überleben gilt es nicht, was ja wohl klar ist)? Und dann haben wir, wenn wir alt genug werden, einige Ziele erreicht, und unzählige andere, die uns noch immer reizen würden, können wir nicht mehr angehen, weil unsere Körper, unsere Psyche, unser Wille an einfache biologische Grenzen stoßen.
Es ist leichter, ein guter Bergsteiger zu werden als ein alter.
Kurt Diemberger
(Jahrgang 1932, um seinen 94. Geburtstag)
Es kommt vor, ist aber doch eher selten, dass ein 54-Jähriger den Berg der Berge, den K2 im Himalaya, besteigt und auch wieder ins Tal zurückkommt. (So geschehen bei Kurt Diemberger, einziger noch lebender Erstbesteiger von zwei Achttausendern.) Und der eine steckt den anderen an in der Verwirklichung von Zielen. Zurück bleibt, wenn der erste Taumel des Erreichens verraucht ist, ein Gefühl der Leere, der Fremd- und Unzufriedenheit. – Kennen wir nicht alle diese Zustände der Rastlosigkeit und Unruhe? Wie stolz sind wir auf unsere jugendliche Kraft oder Schönheit oder wie toll wir sind oder, oder?
Verändere nicht die Welt, die ist gut, wie sie ist, verändere deine Einstellung, deine Sichtweise den Dingen gegenüber. Erforsche, was das mit dir zu tun hat …
Unsere Gedanken, diese feurigen Funken, treiben uns, infizieren unsere Seelen mit Ehrgeiz, dies oder das anzugehen … noch können wir es erlangen … Doch in uns, in unserer Umgebung machen wir die Erfahrung vom Scheitern, immer wieder … Abstürze, Verschollene auf See, Krankheiten, Siechtum, Tod … Natürlich, was denn sonst, es muss ja schließlich so sein: „Staub bist du, und zu Staub wirst du“, lehren uns die Schriften unvergänglicher Wahrheiten. Und mit der Schönheit sieht es nicht anders aus. Kennt ihr die Geschichte von Khalil Ghibran? Sie ist nicht allzu lang, und sei sie mit ein paar Worten nacherzählt: Die Schönheit, es war ein warmer Tag am Meer, legte ihre Kleider ab und ging schwimmen. Da kam die Hässlichkeit am Strand entlang, sah die Kleider der Schönheit liegen und tauschte sie gegen ihre. Als die Schönheit aus dem Wasser kam, bemerkte sie, dass ihre Kleider fehlen, und so musste sie die der Hässlichkeit anziehen. Seitdem werden das Schöne und das Hässliche dauernd verwechselt. – Jedoch, wenn du der Schönheit ins Gesicht blickst, erkennst du sie, so wie auch das Hässliche erkannt wird, wenn man ihm in die Augen sieht …
Diese kleine Erzählung bringt es auf den Punkt. Wir lassen uns nur allzu leicht von den Äußerlichkeiten täuschen. Wenn jemand einen fitten Körper hat, sich gut verrenken kann, hübsch aussieht, wird er bewundert oder begehrt. Doch wie ist es, wenn wir die Augen zu machen, um uns vorzustellen, wie er oder sie in wenigen Jahren aussehen wird? Ist unser Leben nicht gleich einem Augenaufschlag gemessen am Lauf der Zeit? – Und doch beunruhigt uns der Gedanke an die Vergänglichkeit. Hat das mit unserem Denken und der Sicherheit des Todes zu tun? Nicht umsonst heißt es todsicher. Und was ist mit dem ganzen Drama auf der Welt? Korruption, Lüge, Betrug, Gewalt und Ausbeutung, seelisches wie körperliches Elend … jeder einigermaßen mitfühlende Mensch empfindet Abscheu vor alldem? Wie soll ich strahlen, heiter sein und schön bei diesen Zuständen? Eine Frage, die sich die Menschen seitdem es sie gibt, fragen.
Liebe heilt. Liebe ist Kraft. Liebe ist die Magie der Veränderung. Liebe ist der Spiegel göttlicher Schönheit.
(Rumi)
Von außen, wenn wir stecken bleiben, in dem, was uns Mensch und Medien erzählen, erscheint alles wirklich aussichtslos. Das Schöne dieser Welt, das haben wir gelernt haben, das vergeht und wir vergehen ebenfalls. Sind nun das, was Weisheit und Philosophie durch Jahrtausende lehren Lug und Trug oder gut gemeinte Illusionen? – Und ist es das Beste, einen Strick zu nehmen, sich aufzuhängen und zu vergehen, wie die Blätter des Herbstes? Irgendetwas in uns schreit auf, wenn wir so etwas hören. – Jenseits des Zweifels: Da ist ein sonniges, ein positives Element in unseren Seelen. Und dieses Element treibt uns an zur Suche nach den Hintergründen, nach dem Woher und Wohin, nach dem Warum und Wozu? Manche fangen in frühen Jahren damit an, schon als pubertierende Jugendliche, manche später; irgendwann stehen wir alle vor der Frage: Und was nun, wie geht es weiter? Und dann – es kann gar nicht anders sein – treffen wir Menschen, besuchen Vorträge oder Seminare, lesen und machen vielleicht ganz erstaunliche Erfahrungen (oder auch nicht), auf alle Fälle erleben und spüren wir, dass es noch etwas anderes gibt – es ist die Freude, der schöne Götterunke; es sind die Vorgänge des Wandels, einer Transformation, die auch für dich, für mich, ja eigentlich für uns alle gilt. In der Natur sehen wir ununterbrochen Wachstum, Blüte, Reife, Ernte. Und das, was wir Tod und Sterben nennen, ist die Vorbereitung auf neues Leben.
Bewusstsein schläft im Stein, träumt in der Pflanze, erwacht im Tier und erkennt sich selbst im Menschen.
(indisches Sprichwort)
„Wenn Du das nicht hast, dieses Stirb und Werde, bist nur ein trüber Gast auf unserer Erde“, so hören wir bei Goethe – und wer will schon ein trüber Gast sein auf unserem wundervollen Planeten? Es liegt an uns selbst, dass wir suchen, bis wir gefunden haben, was unserem inneren Kern entspricht. Also, was tun, um ewig jung zu bleiben, den Tod zu überwinden und zu strahlen? Jeder hat seinen eigenen Weg, muss seinen eigenen Weg finden. Es gibt vielleicht nur drei Punkte, die uns auf den inneren Weg bringen können:
Tue nichts, was du nicht willst, dass man dir tue. Das gilt für alles, egal ob Mensch, Tier, Pflanze; ja auch die Materie, die ja nur vordergründig tot ist, will achtsam behandelt werden.
Reagiere auf das, was jetzt im Augenblick, in diesem Moment in dein Leben tritt,
Werde dir deiner Gedanken, Gefühle, Handlungen bewusst, ohne zu urteilen. Sieh die Dinge mit Interesse, was da alles in uns Menschen steckt. Versuche die Muster deines Lebens zu erkennen …
