Die Tierethik beschäftigt sich zentral damit, wie man mit Tieren umgeht. Der Anteil der Vegetarier und Veganer steigt stetig an. Immer mehr Menschen fühlen sich mit Tieren verbunden und stellen sich entschieden dagegen, ihnen Leid zuzufügen. Es stellt sich außerdem letztendlich die Frage, ob es ethisch vertretbar ist, Tiere weiterhin als Nahrungsquelle zu benutzen.
Was versteht man überhaupt unter dem Begriff Tierethik? Es stellt einen Teilbereich der angewandten Ethik dar und behandelt die moralischen Fragen rund um den Umgang mit Tieren. Für Tierschutzorganisationen und Tierrechtler heißt es ganz klar und deutlich: Jedes Lebewesen hat ein Recht auf ein selbst bestimmtes Leben ohne Schmerzen, Angst und Leid. Das Gros der Gesellschaft sieht die Tiere in erster Linie als Nutztiere – entweder für die Nahrungsgewinnung, diesen werden besonders wenige Rechte zugebilligt, oder als Haustiere, denen vielfach ähnliche Rechte wie einem Familienmitglied zugesprochen werden. Tierschützer sprechen in diesem Zusammenhang von einer Diskriminierung aufgrund der Spezies, auch Speziesismus genannt.
„Die Tiere empfinden wie der Mensch Freude und Schmerz, Glück und Unglück.“
Charles Darwin, britischer Naturwissenschaftler und Autor, 1809 – 1882
Prinzipielle Fragen in der Tierethik
• Welche moralischen Rechte haben Tiere?
• Wie sollten Menschen mit Tieren umgehen?
• Wie moralisch gerechtfertigt ist es, Tiere zu nutzen - sei es als Nutztier oder Haustier?
• Dürfen wir Tiere zum Zwecke der Nahrungsgewinnung töten?
Seit wann beschäftigen wir uns mit dem Thema Tierethik? Der australische Philosoph und Ethiker Peter Singer und der US-amerikanische Philosoph Tom Regan haben die Tierethik ins Leben gerufen. 1975 publizierte Peter Singer das Buch „Animal Liberation. Befreiung der Tiere“, das die Tierrechtsbewegung ins Laufen brachte. Tom Regan veröffentlichte ein paar Jahre später das Buch „The Case for Animal Rights“ zum Thema Tierethik. Laut Peter Singer spricht man von moralischem Handeln, wenn man möglichst viele Interessen berücksichtigt. Dies nennt er den Präferenzutlitarismus. Singer vertritt den Ansatz, wonach alle empfindungsfähigen Wesen gleich viel zählen – Tiere so viel wie Menschen. Tiere nicht gleich zu behandeln gilt für ihn als speziesistisch.
„Nichts wird die Chance auf ein Überleben auf der Erde so steigern wie der Schritt zur vegetarischen Ernährung.“
Albert Einstein, deutsch-schweizerischer Physiker und Nobelpreisträger, 1879 – 1955
Wenn man in der Philosophie bis ins 18. Jahrhundert zurückblickt, stößt man unter anderem auf Immanuel Kant (1724–1804), der klargelegt hat, dass sich der Mensch durch seine Vernunft vom Tier abhebt. Seines Zeichens sollen nur vernunftbegabte Wesen moralisch geschädigt werden können, also Tiere nicht. Allerdings sollen Menschen Tiere nicht grausam behandeln und haben das sogenannte Verrohungsargument aufs Tapet gebracht: Tiere zu quälen soll dazu führen, dass der Mensch in seinem Verhalten verroht. Dies hat zur Folge, dass ein Mensch, der zur Tierquälerei neigt, auch dazu tendiert, Menschen schlecht zu behandeln.
Die moralischen Pflichten gegenüber Tieren können allerdings vielfältig sein und müssen sich nicht auf den Gleichheitsgrundsatz beschränken. Die britische Philosophin Mary Midgley (1919–2018) sieht das moralische Handeln gegenüber einem Tier als Verantwortlichkeit, die sich je nach der Art der Beziehung unterschiedlich gestaltet. Da man zu einem Haustier, das im eigenen Heim wohnt, eine andere Beziehung als zu einem Stalltier hat, wird man es auch anders behandeln. Die amerikanische Philosophin Cora Diamond (geb. 1938) stellt die zwischenmenschlichen Beziehungen als Bezugspunkt für die Art der Behandlung von Tieren dar, was bedeutet, dass man von anderen Menschen lernt, wie man Tiere ethisch korrekt behandeln soll: Haustiere mit Mitgefühl, aber Hühner und Kühe als Lebensmittelerzeuger, die in der Tierhaltung nicht leiden sollen. Cora Diamond räumt aber ein, dass der Kontakt mit einer Kuh im Stall zu einem Mitgefühl führen kann, das dazu führt, dass man auf das Fleischessen verzichtet. Auch die Reflexion über das Sterben der Jungtiere, die nur aufgezogen werden, um gegessen zu werden, kann dazu dienen, das Fleischessen infrage zu stellen.
Industrielle Tierhaltung
Die Tierhaltung in großem Maßstab ist auf maximalen Gewinn ausgerichtet. Dazu gehören möglichst kleine Ställe und Käfige; Tiere werden so schnell wie möglich wieder geschwängert und die Jungen kurz nach der Geburt vom Muttertier getrennt. Dies ist mit viel Leid für Tiere verbunden. In der Bio-Haltung sind Kühe und Schweine zwar immer noch Nutztiere, werden aber nicht gequält, und ihr Leben bekommt viel mehr Freiräume als bei der herkömmlichen industriellen Tierhaltung. Aus Studien weiß man, dass mindestens 20 Prozent der weltweit produzierten Treibhausgase durch die Tierwirtschaft verursacht werden. Das Ausbeuten der Tiere im Sinne der Nahrungsproduktion treibt die Klimakatastrophe weiter voran und schadet den Menschen letztendlich selbst.
„Tierschutz ist auch immer Menschenschutz! Von der Würde des Menschen können wir erst sprechen, wenn wir gelernt haben, die Würde der Tiere zu respektieren.
Der Tag wird kommen, an dem im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland nicht nur die Würde des Menschen, sondern auch die Würde der Tiere geschützt wird.“
Franz Alt, deutscher Journalist, geb. 1938
Gelebte Tieretik
Jedes Tier besitzt eine eigene Persönlichkeit und kann Liebe, Angst und Schmerz fühlen. Der Wert eines Tieres soll nicht durch seinen Nutzen bestimmt werden, sondern Tiere haben ebenso wie Menschen einen Wert, der naturgegeben ist. Gelebte Tierethik bedeutet, Tieren Respekt und Empathie entgegenzubringen und sie nicht auszunutzen. In diesem Sinne werden sie weder für die Ernährung, Bekleidung noch zur persönlichen Unterhaltung genutzt. Dies lässt sich allerdings nur mit einer veganen Lebensweise praktisch umsetzen.
Tierschutzorganisationen sehen sich als Anwälte der Tiere, die für die Umsetzung ihrer Rechte einsetzen. Immerhin steht seit 2002 Folgendes im Artikel 20a des GG (Grundgesetz): „Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung durch die Gesetzgebung und nach Maßgabe von Gesetz und Recht durch die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung.“
Tierrechtler mit radikalen Ansichten erkennen bei Tieren nur die Freiheit als artgerecht an. Dann würden jedoch auch Halter von Haustieren als nicht ethisch dem Tier gegenüber handelnd angesehen werden.
„Wenn Schlachthäuser Glaswände hätten, würden alle Menschen vegetarisch leben.“
Paul McCartney, britischer Ex-Beatle, geb. 1942
Gelebte Tieretik
Welche Form der Tierethik man für sich selbst wählt, hängt vielfach vom persönlichen Umfeld ab. Wer seine Haustiere liebevoll behandelt, mit ihnen mitfühlt und sie daher glücklich sein lässt, trägt schon viel zur Tierethik bei. Wer auch noch auf das Fleischessen verzichtet, handelt noch ethischer. Den Gipfel der Tierethik erklimmt jedoch nur der konsequente Veganer. Damit sich diese Ansichten stärker verbreiten, ist jedoch noch viel Bewusstwerdung und Umdenken in der Gesellschaft erforderlich. ■
